Alexander G. Höhne › Logologie › Notiz 2

Mehr, als wir hineinlegen

Novalis' Monolog und die Sprache als Ort des Entdeckens

Alexander G. Höhne · 7. November 2026

Die erste Notiz endete mit einem Hinweis: Kurz nach den Logologischen Fragmenten schreibt Novalis von einer Sprache, die sich „blos um sich selbst bekümmert“. Der Satz steht in einem kurzen Text, den er Monolog überschrieben hat. Der Monolog lässt sich nicht genau datieren, gehört aber wohl in den Herbst 1798. Der Text umfasst in der historisch-kritischen Ausgabe kaum zwei Seiten. Und doch ist er, so meine ich, Novalis' dichtester Text über Sprache.

Schon der Titel ist eine kleine Provokation. In der ersten Notiz stand das Gespräch im Mittelpunkt: Erkenntnis entsteht, wo Denkende sich an der Spitze ablösen, und Philosophieren ist eine „Selbstbesprechung“. Hier aber spricht einer allein. Und er behauptet, dass gerade dieses Selbstgespräch der Sprache das Geheimnis ihrer Wahrheit ist.

Die Philosophin Donatella Di Cesare hat gezeigt, dass der kurze Text in drei Teilen verläuft, jeder mit eigenem Ton: zuerst unpersönlich und ironisch gegen die gängige Auffassung der Sprache, dann im vorsichtigen Vergleich mit der Mathematik, schliesslich mit einem Sprecher, der sich selbst in Frage stellt. Ich folge diesem Gang.

Eine närrische Sache

Der Text beginnt mit einem Satz, der eher nach Spott klingt als nach Philosophie:

„Es ist eigentlich um das Sprechen und Schreiben eine närrische Sache; das rechte Gespräch ist ein bloßes Wortspiel.“

Novalis, Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672

Närrisch ist für Novalis nicht das Sprechen selbst, sondern die Vorstellung, die die meisten davon haben. „Der lächerliche Irrthum ist nur zu bewundern, daß die Leute meinen – sie sprächen um der Dinge willen.“ Sie halten die Wörter für Etiketten, die an den Dingen kleben. Dann kommt der Satz, auf den der ganze Text zuläuft:

„Gerade das Eigenthümliche der Sprache, daß sie sich blos um sich selbst bekümmert, weiß keiner.“

Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672

Man könnte das für eine Absage an die Wirklichkeit halten: eine Sprache, die nur noch um sich selbst kreist. Novalis zieht die entgegengesetzte Folgerung. Gerade darum sei die Sprache „ein so wunderbares und fruchtbares Geheimniß, – daß wenn einer blos spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht.“ Wer dagegen von etwas Bestimmtem reden will, dem ergeht es schlecht: „so läßt ihn die launige Sprache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.“

Das Wort „Wahrheiten“ steht da, und es ist ernst gemeint. Novalis behauptet nicht, dass die Sprache mit der Wahrheit nichts zu tun habe. Er behauptet, dass Wahrheit nicht dort entsteht, wo man Sprache als Werkzeug benutzt, sondern dort, wo man sie sprechen lässt.

Wie mathematische Formeln

Was das heissen kann, erläutert Novalis mit einem Vergleich. Man müsse den Leuten nur begreiflich machen, „daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei“:

„Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das seltsame Verhältnißspiel der Dinge.“

Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672

Eine Gleichung handelt nicht von einem bestimmten Apfel oder einem bestimmten Planeten. Sie folgt nur ihren eigenen Regeln. Und doch, oder gerade deshalb, trifft sie Verhältnisse in der Welt, an die beim Aufstellen niemand gedacht hat. So versteht Novalis die Sprache: Sie bildet die Dinge nicht einzeln ab, sondern bringt in ihrem eigenen Gefüge die Beziehungen zwischen ihnen zum Vorschein. Wahrheit liegt dann nicht in der Übereinstimmung eines Wortes mit einem Ding, sondern im Spiel der Verhältnisse.

Hier schliesst der Monolog an die Logologischen Fragmente an. Dort hatte Novalis die Logik „die Grammatik der höhern Sprache oder des Denkens“ genannt. Im Monolog wird diese Grammatik zur eigentlichen Quelle: Wer ihr folgt, statt sie zu benutzen, sagt mehr, als er weiss.

Der Sprachbegeisterte

Im dritten Teil tritt der Sprecher selbst hervor, zuerst mit einer Gestalt, die zeigt, wie man der Sprache gerecht werden kann:

„Wer ein feines Gefühl ihrer Applicatur, ihres Takts, ihres musikalischen Geistes hat, wer in sich das zarte Wirken ihrer innern Natur vernimmt, und danach seine Zunge oder seine Hand bewegt, der wird ein Prophet sein.“

Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672

Doch gleich darauf zweifelt er an sich. Er nennt Cassandra, die Seherin, der niemand glaubt, und gesteht:

„Wenn ich damit das Wesen und Amt der Poesie auf das deutlichste angegeben zu haben glaube, so weiß ich doch, daß es kein Mensch verstehn kann, und ich was ganz albernes gesagt habe, weil ich es habe sagen wollen, und so keine Poesie zu stande kommt.“

Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672

Er hat, mit anderen Worten, genau das getan, wovor er warnt: Er wollte von etwas Bestimmtem sprechen. Der Monolog endet mit Fragen:

„Wie, wenn ich aber reden müßte? und dieser Sprachtrieb zu sprechen das Kennzeichen der Eingebung der Sprache, der Wirksamkeit der Sprache in mir wäre? und mein Wille nur auch alles wollte, was ich müßte, so könnte dies ja am Ende ohne mein Wissen und Glauben Poesie sein und ein Geheimniß der Sprache verständlich machen? und so wär' ich ein berufener Schriftsteller, denn ein Schriftsteller ist wohl nur ein Sprachbegeisterter?“

Monolog, Schriften, Bd. 2, S. 672–673

Der Text führt vor, wovon er spricht. Er ist selbst ein Sprechen, das sich um sich selbst bekümmert, und er lässt offen, ob er dabei Wahrheit ausspricht oder Unsinn. Diese Offenheit ist kein Mangel, sondern die Pointe: Der Sprecher kann sich seiner Wahrheit nicht von aussen versichern. Er kann nur bemerken, dass etwas durch ihn hindurch gesprochen hat. Damit nimmt der Monolog den Gedanken der ersten Notiz wieder auf, dass echte Dichter „ohne ihr Wissen“ dichten und dass die Logologie dieses Unbewusste zu Bewusstsein bringen soll.

Heidegger: Die Sprache spricht

Rund 160 Jahre später hat der Text einen prominenten Leser gefunden. Martin Heidegger beginnt seinen Vortrag Der Weg zur Sprache, den er 1959 in München und Berlin hielt, mit eben diesem Satz aus dem Monolog. Und er nimmt den Titel beim Wort: Die Sprache ist für ihn Monolog in doppeltem Sinn. Eigentlich spricht nur die Sprache selbst, und sie spricht allein. Damit führt eine belegte Linie von Novalis zu Heidegger: nicht über das Wort Logologie, wohl aber ausdrücklich über den Monolog.

Der Satz passt in Heideggers Denken. Schon 1947 hatte er im Brief über den Humanismus geschrieben: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“ In einem Vortrag von 1950 steht die kurze Formel „Die Sprache spricht“. Gemeint ist nicht, dass Wörter ein Eigenleben führen. Gemeint ist, so verstehe ich Heidegger, dass der Mensch nicht über die Sprache verfügt wie über ein Werkzeug, sondern zuerst auf sie hört.

Das hat mit Heideggers Begriff der Wahrheit zu tun. In Sein und Zeit (1927, § 44) knüpft er an das griechische Wort alétheia an und versteht Wahrheit ursprünglich als Unverborgenheit. Wahr ist dann nicht in erster Linie ein Satz, der mit einer Sache übereinstimmt, sondern ein Geschehen, in dem etwas aus der Verborgenheit hervortritt. Die Sprache ist der Ort, an dem dieses Hervortreten geschieht. Von hier aus wird verständlich, warum Heidegger bei Novalis ansetzt: Die Sprache, die sich um sich selbst bekümmert, ist keine Flucht aus der Welt, sondern der Raum, in dem Welt sich zeigt.

Ganz einverstanden ist Heidegger mit Novalis allerdings nicht. Am Ende des Vortrags bemerkt er, „daß Novalis die Sprache im Gesichtsfeld des absoluten Idealismus aus der Subjektivität dialektisch vorstellt“. Bei Novalis bleibt es also ein Ich, das die Sprache denkt, und eben dieses Ich will Heidegger hinter sich lassen. Di Cesare widerspricht. Der Abstand sei viel geringer, als Heidegger meint. Im Monolog geschehe eine „Selbstdarstellung der Sprache durch die Sprache“, und der Sprecher überwinde sich selbst, indem er seine eigenen Sätze verneint und am Ende nur noch fragt. Ihr Fazit:

„In gewissem Sinn kann man sagen, daß Novalis Heidegger treuer ist als dieser sich selbst.“

Donatella Di Cesare, „Anmerkungen zu Novalis' Monolog“, S. 166

Gadamer: Spiel, Gespräch und Frage

Hans-Georg Gadamer, Heideggers Schüler, hat diese Linie in Wahrheit und Methode (1960) weitergeführt. Schon der Titel sagt, worum es geht: Es gibt Wahrheit, die sich nicht mit Methode sichern lässt, sondern im Verstehen erfahren wird, an Kunstwerken, an Texten, im Gespräch. Der bekannteste Satz des Buches lautet:

„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960)

Im Vorwort zur zweiten Auflage hat Gadamer diesen Satz selbst erläutert. Er meine „nicht das schlechthinnige Herrsein des Verstehenden über das Sein, sondern im Gegenteil, daß Sein nicht erfahren wird, wo etwas von uns hergestellt werden kann und insofern begriffen ist, sondern dort, wo, was geschieht, lediglich verstanden werden kann“ (S. XXI). Das ist, in Gadamers Sprache, derselbe Gedanke wie bei Novalis: Was wir verstehen, ist mehr, als wir hineinlegen.

Drei Gedanken Gadamers berühren sich mit dem Monolog, ohne dass er sich darauf beruft. Der erste ist das Spiel. Ein Kapitel seines Buches trägt den Titel „Spiel als Leitfaden der ontologischen Explikation“. Im Spiel, so lässt sich Gadamer zusammenfassen, sind nicht die Spieler die eigentlichen Subjekte; das Spiel spielt sich durch sie hindurch. Novalis' „bloßes Wortspiel“ und seine Sprache, die „nur mit sich selbst“ spielt, liegen nicht weit davon entfernt.

Der zweite ist das Gespräch. Im selben Vorwort spricht Gadamer von einer Wahrheit, „die einem nur durch das Du sichtbar wird, und nur dadurch, daß man sich von ihm etwas sagen läßt“ (S. XXI). Was ein Gespräch verlangt, beschreibt er so: „Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen“ (S. 349). Und was dabei entsteht, gilt ihm als Muster allen Verstehens von Überlieferung:

„[…] es ist wie im echten Gespräch, wo auch etwas herauskommt, was keiner der Partner von sich aus umfaßt.“

Gadamer, Wahrheit und Methode, 2. Aufl., S. 438

Hier löst sich die scheinbare Spannung zwischen Gespräch und Monolog. Wer sich der Sprache überlässt, ist nie ganz allein; er spricht mit etwas, das grösser ist als seine Absicht.

Der dritte Gedanke betrifft die Frage, mit der der Monolog endet. „Fragen heißt Offenlegen und ins Offene stellen“, schreibt Gadamer (S. 349), und: „Jeder Einfall hat die Struktur der Frage“ (S. 348). Die Schlussfragen des Monologs sind dann kein Ausweichen, sondern die Form, in der sich etwas Neues zeigen kann.

Deutung

Ich lese diese Positionen als Antworten auf die Frage, wo in der Sprache Wahrheit geschieht. Bei Heidegger tritt der Sprecher fast ganz zurück: Die Sprache spricht, der Mensch hört, und gerade die Subjektivität ist für ihn Novalis' Grenze. Di Cesare sieht im Monolog einen Sprecher, der sich durch Verneinung und Frage selbst überwindet. Bei Gadamer geschieht Wahrheit zwischen Menschen, im Gespräch, in das beide hineingezogen werden; seine Nähe zu Novalis ist meine Lesart, Gadamer stellt den Bezug nicht selbst her. Wie Heidegger spricht auch Gadamer vom Hören: Es sei „ein Weg zum Ganzen, weil es auf den Logos zu hören vermag“ (S. 438). Dass hier der Logos auftaucht, verbindet ihn für mich mit der Logologie. Den Schluss des Monologs lese ich noch etwas anders. Der Sprecher überwindet sich nicht nur, er wird sich seiner Rolle bewusst: Er bemerkt, dass er ein Sprachbegeisterter sein könnte, und fragt danach. Diese Wachheit ist der logologische Punkt. Sie unterscheidet Novalis von Heidegger, ohne ihn in den absoluten Idealismus zurückzustellen.

Was das für die Leitfrage heisst

Die Leitfrage dieser Rubrik lautet, was in uns geschieht, wenn sich Gedanken erst allmählich beim Reden verfertigen. Der Monolog gibt darauf eine erste, zugespitzte Antwort: Im Reden kommt mehr zur Sprache, als wir hineinlegen. Wer das bemerkt, lernt etwas über die Sprache und zugleich über sich selbst, nämlich dass das eigene Denken nicht ganz in der eigenen Hand liegt. Gadamer sagt es vom Fragen: „Auch das Fragen ist daher mehr ein Erleiden als ein Tun“ (S. 348).

Wer schreibt, kennt diese Erfahrung vielleicht: Ein Satz entsteht, und erst wenn er dasteht, sieht man, was man gedacht hat. Ob das, was so entsteht, wahr ist, lässt sich nicht im Voraus sagen. Man kann es nur prüfen, indem man liest, was man geschrieben hat, und sich fragt, ob es trägt. Die nächste Notiz bleibt bei Novalis.

Quellen

  • Novalis: Monolog (1798/99). In: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe, hg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel. Bd. 2: Das philosophische Werk I, hg. von Richard Samuel in Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer 1965, S. 672–673. Ebenfalls in: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs, hg. von Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel, Bd. 2, München/Wien: Hanser 1978, S. 438 f.
  • Novalis: Logologische Fragmente, Nr. 16. In: Schriften, Bd. 2, S. 526–527.
  • Donatella Di Cesare: „Anmerkungen zu Novalis' Monolog“. In: Athenäum. Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesellschaft 5 (1995), S. 149–168. doi:10.18452/5641. Darin die Heidegger-Stellen aus Unterwegs zur Sprache (1959), S. 241 und 265.
  • Martin Heidegger: Brief über den Humanismus (1947). In: Wegmarken, Gesamtausgabe Bd. 9.
  • Martin Heidegger: „Die Sprache“ (Vortrag 1950) und „Der Weg zur Sprache“ (Vortrag 1959). In: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen: Neske 1959; Gesamtausgabe Bd. 12. Englische Übersetzung des Anfangs: „The Way to Language“ (beyng.com).
  • Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927), § 44.
  • Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 2. Aufl., durch einen Nachtrag erweitert. Tübingen: Mohr (Paul Siebeck) 1965 (1. Aufl. 1960). Darin: Vorwort zur 2. Auflage, S. XXI; Teil I, Kap. II.1 „Spiel als Leitfaden der ontologischen Explikation“, S. 97 ff.; S. 348–349 (Frage und Gespräch); S. 438 (Hören, Gespräch). Digitalisat (Exemplar aus Hannah Arendts Bibliothek, Auswahl): Bard Digital Commons.

Die Schreibweise der Novalis-Zitate folgt der historisch-kritischen Ausgabe.