Manche Wörter entstehen, weil ein Gedanke keinen Namen hat. „Logologisch“ ist ein solches Wort. Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, hat es Anfang 1798 in Freiberg geprägt. Die erste Handschrift der Notizen, die heute unter dem Titel Logologische Fragmente stehen, ist noch mit „Philosophische Fragmente“ überschrieben. Nach dem Befund der Herausgeber hat Hardenberg erst während der Niederschrift „logologische“ an die Stelle von „philosophische“ gesetzt; am 24. Februar 1798 lagen die Notizen bereits vor. Das Wort war also nicht der Ausgangspunkt, sondern ein Ergebnis: Novalis brauchte es, weil er beim Schreiben merkte, dass er etwas anderes tat als die Philosophie vor ihm.
Was das war, soll diese erste Notiz klären. Sie fragt, woher das Wort kommt, was es bei Novalis bedeutet, weshalb es mit Sprache zu tun hat und was es nicht meint.
Mein eigener Zugang zu Novalis führt über Friedrich Hiebel (1903–1989), Novalis-Forscher und von 1963 bis zu seinem Tod Leiter der Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum. Er war mir Mentor und Freund, und er hat in mir das Interesse an der Germanistik und an Novalis geweckt. Sein Buch Novalis. Der Dichter der blauen Blume erschien 1951.
Ein Wort aus zwei Wörtern
„Logologie“ ist aus dem griechischen lógos und der Endung -logie gebildet. Lógos heisst Wort, Rede, Rechenschaft und Vernunft zugleich; -logie bezeichnet eine Lehre, wie in Biologie oder Theologie. Logologie wäre demnach eine Lehre vom Logos. Aber in dem Wort steckt mehr als eine Fachbezeichnung. Es verdoppelt sich selbst: eine Logik der Logik, eine Rede über die Rede, ein Denken, das das Denken zum Gegenstand hat.
Diese Verdoppelung ist der Kern. Die Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe schreiben über das Wort:
„Wie ‚Philosophie der Philosophie‘ und ‚Poesie der Poesie‘ ist es eine romantische Potenzierungsformel, die den transzendentalen Akt des sich selbst durchdringenden, über sein eigenes Tun reflektierenden Geistes bezeichnet.“
Einleitung der Herausgeber, Novalis, Schriften, Bd. 2, S. 509
Das Substantiv selbst gebraucht Novalis in einem Eintrag, der Philosophie und Dichtung nebeneinanderstellt: „Wie sich die bisherigen Philosophieen zur Logologie verhalten, so die bisherigen Poësieen zur Poësie, die da kommen soll.“ Die künftige, „transscendentale“ Poesie nennt er die „organische“. Die echten Dichter hätten zwar schon bisher organisch gedichtet, aber „ohne ihr Wissen“, und dieser Mangel an Bewusstsein habe ihren Werken im Ganzen geschadet. Der Eintrag schliesst mit dem Satz: „Die Logologie wird diese Revolution nothwendig herbeyführen“ (Nr. 43, S. 535).
Direkt angesprochen ist also eine Umwälzung der Dichtung; die der Philosophie ist nur mitgedacht, im Verhältnis der bisherigen Philosophie zur Logologie. So verstehe ich den Eintrag: Logologie bringt zu Bewusstsein, was bisher unbewusst geschah, im Denken wie im Dichten.
Novalis selbst spricht in denselben Notizen von einer „Philosophie der Philosophie“, die er von den „Individualphilosophieen“ unterscheidet, also von den Lehren einzelner Denker, die immer etwas von ihrem Urheber an sich tragen (Nr. 8, S. 523). Gleich der erste Eintrag setzt den Ton: Die bisherige Geschichte der Philosophie sei nichts als eine Geschichte von Versuchen, das Philosophieren zu entdecken (Nr. 1, S. 522). Die Frage zielt also nicht auf ein weiteres System, sondern auf das Philosophieren als Tätigkeit.
Woher der Gedanke kommt: Fichte
Der Hintergrund ist Johann Gottlieb Fichte. Novalis hatte dessen Wissenschaftslehre 1795 und 1796 gründlich durchgearbeitet; die Aufzeichnungen dazu sind als Fichte-Studien überliefert. Fichte wollte die Philosophie auf eine ursprüngliche Handlung des Ich gründen, das sich selbst setzt. Die Philosophie sollte diese Handlung nachvollziehen und so über die Bedingungen allen Wissens Rechenschaft geben.
Novalis übernimmt diese Bewegung, aber er traut ihr mehr zu als ihr Erfinder:
„Es wäre wohl möglich, daß Fichte Erfinder einer ganz neuen Art zu denken wäre – für die die Sprache noch keinen Namen hat. […] Es ist aber wahrscheinlich, daß es Menschen giebt und geben wird – die weit besser Fichtisiren werden, als Fichte. Es können wunderbare Kunstwercke hier entstehn – wenn man das Fichtisiren erst artistisch zu treiben beginnt.“
Logologische Fragmente, Nr. 11, Schriften, Bd. 2, S. 524
Zwei Dinge fallen auf. Novalis sucht ausdrücklich einen Namen für eine neue Art zu denken, und „logologisch“ wird wenig später dieser Name. Und er verschiebt das Gewicht von der Lehre zur Kunst: Das Denken über das Denken soll nicht nur korrekt, sondern „artistisch“ betrieben werden. Hier liegt, so meine Lesart, der Unterschied zu Fichte. Fichte ging es um ein sicheres Fundament. Novalis interessiert, was entsteht, wenn sich der Geist in seinem eigenen Tun beobachtet und dieses Tun dabei steigert.
Dasselbe Muster kennt man aus einem der bekanntesten Sätze dieser Monate, „Die Welt muß romantisirt werden“. Auch das Romantisieren beschreibt Novalis als eine Steigerung, als „qualit[ative] Potenzirung“ (Nr. 105, S. 545). Logologie und Romantisieren lassen sich als zwei Anwendungen derselben Denkfigur lesen: Etwas wird auf sich selbst angewendet und dadurch auf eine höhere Stufe gehoben.
Warum es um Sprache geht
Bis hierher könnte Logologie eine rein philosophische Angelegenheit sein. Doch Novalis denkt das Denken von Anfang an zusammen mit seinem Medium. In einem der dichtesten Einträge heisst es:
„Die gewöhnliche Logik ist die Grammatik der höhern Sprache oder des Denkens. […] Die logischen Begriffe verhalten sich aber zu einander, wie die Worte, ohne Gedanken. […] Die metaphysischen Begriffe verhalten sich zu einander, wie Gedanken, ohne Worte.“
Logologische Fragmente, Nr. 16, Schriften, Bd. 2, S. 526–527
Denken ist für Novalis selbst eine Sprache, eine „höhere“ Sprache, deren Grammatik die Logik beschreibt. Die Schwäche der bisherigen Philosophie sieht er darin, dass Logik und Metaphysik getrennt geblieben sind: auf der einen Seite Worte ohne Gedanken, auf der anderen Gedanken ohne Worte. Logologisch zu denken hiesse, beides zusammenzubringen, also im Denken auf die Form zu achten, in der gedacht wird, und in der Form den Gedanken zu suchen.
Wie ernst Novalis die Rolle der Worte nimmt, zeigt ein Eintrag über das Lehren. Der Buchstabe sei nur eine Hilfe der Mitteilung; die Worte seien ein „trügliches Medium des Vordenckens“, und der echte Lehrer sei „ein Wegweiser“ (Nr. 3, S. 522). Worte übertragen Gedanken nicht wie Waren. Sie regen den Hörenden an, selbst zu denken, und können dabei auch in die Irre führen. Novalis folgert daraus: Echtes Philosophieren sei „ein gemeinschaftlicher Zug nach einer geliebten Welt“, bei dem man sich gegenseitig an der Spitze ablöst. Erkenntnis entsteht im Gespräch, nicht im Monolog des Systemdenkers.
Ein kurzer Satz geht noch weiter: „Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung. Welcher Geist ruft – ein solcher erscheint“ (Nr. 6, S. 523). Man sollte das nicht als Lehre von der Wortmagie lesen; der Satz steht für sich und wird nicht ausgeführt. Aber er zeigt die Richtung: Wer spricht, ruft etwas hervor, und was hervortritt, hängt davon ab, aus welchem Geist gesprochen wird. Wenig später wird Novalis im Monolog von einer Sprache schreiben, die sich „blos um sich selbst bekümmert“.
Logologie als Selbsterkenntnis
Die Selbstbezüglichkeit, die das Wort ausdrückt, ist kein Spiel mit Begriffen. Für Novalis ist sie der Weg, auf dem der Mensch zu sich selbst kommt. In einem der längsten Einträge entwirft er drei Stufen. Auf der ersten stehen sich der „rohe, discursive Denker“ und der „rohe, intuitive Dichter“ gegenüber: der eine baut sein Weltall „aus logischen Atomen“, der andere hasst „Regel, und feste Gestalt“. Auf der zweiten mischen sich beide, und es entstehen „Eklektiker ohne Zahl“. Die dritte Stufe erreicht der Künstler. Er bemerkt, dass die Trennung von Denken und Dichten „eine tiefer liegende Trennung seines eignen Wesens“ ist, und findet in sich das Vermögen, zwischen beiden zu wechseln. Was daraus folgt, nennt Novalis den
„Anfang einer wahrhaften Selbstdurchdringung des Geistes die nie endigt.“
Logologische Fragmente, Nr. 13, Schriften, Bd. 2, S. 524–526
Einige Einträge weiter beschreibt Novalis eine Erfahrung, die jeder kennen kann, der ernsthaft nachdenkt: Es sei, als befinde man sich „in einem Gespräch“, und ein unbekanntes geistiges Wesen rege einen zur Entwicklung der klarsten Gedanken an (Nr. 21, S. 528–529). Dieses „Ich höherer Art“ lasse sich nicht beweisen: „Jeder muß es selbst erfahren.“ Und dann:
„Philosophiren ist eine Selbstbesprechung obiger Art – eine eigentliche Selbstoffenbarung – Erregung des wircklichen ich durch das Idealische Ich.“
Logologische Fragmente, Nr. 22, Schriften, Bd. 2, S. 529
So verbinden sich Selbstbezug und Gespräch. Das Denken, das sich selbst bedenkt, ist zugleich ein Gespräch des Menschen mit sich selbst, genauer: mit dem, was er werden kann. Logologie ist bei Novalis, so verstehe ich ihn, keine Sprachtheorie neben anderen. Sie ist eine Form der Selbsterkenntnis, die sich im Medium des Wortes vollzieht.
Mich berührt an diesen Notizen besonders, dass Novalis Erkenntnis als Gespräch versteht, zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Denkenden, die sich an der Spitze ablösen, und zwischen dem Menschen und seinem „Ich höherer Art“. Das ist meine Lesart, keine Lehrmeinung. Aber sie erklärt, warum mich das Thema seit meiner Arbeit an den Mysteriendramen begleitet, in denen Erkenntnis fast immer im Gespräch geschieht.
Was Logologie nicht meint
Das ungewohnte Wort lädt zu Missverständnissen ein. Drei Abgrenzungen:
Keine Sprachwissenschaft. Logologie ist keine Disziplin, die Sprachen beschreibt, vergleicht oder in ihrer Geschichte erforscht. Novalis fragt nicht, wie das Deutsche gebaut ist, sondern was im Sprechen und Denken geschieht.
Kein fertiges System. Die Logologischen Fragmente sind Notizen, keine Abhandlung. Novalis hat sie zu Lebzeiten nicht veröffentlicht, und vieles ist nur angedeutet. Wer daraus eine geschlossene Lehre machen will, muss mehr hineinlegen, als dasteht.
Nicht der spätere Wortgebrauch. Das Wort ist später mehrfach neu besetzt worden. Der amerikanische Literaturtheoretiker Kenneth Burke gab 1961 seinem Buch The Rhetoric of Religion den Untertitel Studies in Logology und meinte damit eine Untersuchung von Wörtern über Wörter, besonders in der Theologie. Die französische Philosophin Barbara Cassin nennt die Rede der antiken Sophisten, die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern hervorbringt, „logologie“ und beruft sich dabei ausdrücklich auf Novalis. Das ist eine eigenständige Weiterführung, und eine nicht ohne Ironie: Novalis selbst hielt die Sophisten für Leute, die „eigentlich nichts mit der Philosophie zu thun“ haben (Nr. 14, S. 526).
Eine Arbeitsdefinition
Für die folgenden Notizen halte ich eine Arbeitsdefinition fest. Sie fasst zusammen, wie ich Novalis lese, und ist als solche eine Deutung:
Logologie ist ein Denken, das im Vollzug auf sein eigenes Medium achtet, auf Worte, Begriffe und Gespräch, und das dabei sich selbst als Geist erfährt.
Daraus ergibt sich der Leitgedanke dieser Rubrik: Sprache ist ein zentraler Ort der Bewusstwerdung. In ihr reflektieren und erkunden wir, in ihr erleben und gestalten wir, und im Verstehen von Texten und im Bemühen um Verständlichkeit kommen wir uns selbst auf die Spur. Und eine Leitfrage, die über Novalis hinausführt: Was geschieht in uns, wenn sich Gedanken, wie Heinrich von Kleist es beschreibt, erst allmählich beim Reden verfertigen? Die nächsten Notizen gehen dem bei Novalis selbst nach und bei denen, die nach ihm über Sprache und Erkenntnis nachgedacht haben.
Quellen
- Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe, hg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel. Bd. 2: Das philosophische Werk I, hg. von Richard Samuel in Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer 1965. Darin: Einleitung der Herausgeber, S. 508–509; Logologische Fragmente, S. 522–535, zitiert mit Nummer und Seite; Monolog, S. 672–673. Online-Fassung nach der 3. Auflage (1981): Novalis im Netz, Logologische Fragmente.
- Novalis: „Die Welt muß romantisirt werden“, Fragment Nr. 105 (1798). In: Schriften, Bd. 2, S. 545.
- Friedrich Hiebel: Novalis. Der Dichter der blauen Blume. Bern: Francke 1951.
- Kenneth Burke: The Rhetoric of Religion. Studies in Logology. Boston: Beacon Press 1961.
- Jacques Brunschwig, Barbara Cassin: „Sophistique“. In: Encyclopædia Universalis, Abschnitt „L'effet sophistique“.
Die Schreibweise der Zitate folgt der historisch-kritischen Ausgabe.